Wir sind Ihr Ohr am Markt…

… und Ihr Draht zur Technologie.
Willkommen auf dem TAILORIT Blog – der Plattform für Information und Inspiration. Hier halten wir Sie regelmäßig über spannende branchenrelevante Themen auf dem Laufenden, bewerten für Sie aktuelle Trends im Fashion Retail und stellen innovative Store-Konzepte vor. Lassen Sie sich inspirieren – Change works.

Industrie 4.0 - eine kritische Würdigung

Posted on 27.10.2016 by Dr. Michael Baurschmid - Manager

Printer Friendly and PDF

Posted on 27-10-2016 by Dr. Michael Baurschmid - Manager

Hier sind sie also, die ersten Anzeichen der sich verbreitenden Robotik: Adidas holt die Schuhproduktion zurück nach Deutschland und ab 2017 soll ein Roboterwerk produktiv sein. Mit der aktuell noch prototypischen Fertigung der „Speedfactory“ können vollautomatisch Schuhe „Made in Germany“ hergestellt und die Möglichkeiten für prestigeträchtige Waren in Eigenproduktion gesteigert werden. Das passiert im kleinen Stil mit dem Schuhmodell „Futurecraft M.F.G.“, welches durch eine spezifische Passform genau an die funktionalen Anforderungen des Käufers mittels eines automatisierten Serienfertigungsroboters innerhalb von wenigen Stunden hergestellt wird. Durch das Reshoring kommt der Produktionsstandort zurück nach Deutschland und Adidas ist auf dem Weg die Automatisierung einen Schritt weiter voranzubringen. Zudem wird die Logistikkette mit verkürzten Transportlaufzeiten optimiert, um schneller auf Trends reagieren zu können. Die automatisierte Einzelstückfertigung ist sicherlich ein erster wichtiger Schritt, um dem in Fernost immer stärker steigenden Lohnniveau etwas entgegen zu setzen. 

Was das mit „Industrie 4.0“ zu tun hat, erläutert der Blogbeitrag im Folgenden und würdigt kritisch die aktuelle Situation von Produktionsprozessen im Bekleidungshandel.

In Deutschland wird seit 2011 unter dem von der Bundesregierung propagierten Forschungsprogramm „Industrie 4.0“ die Individualisierung und Hybridisierung von Produkten durch die Kopplung von Produkt und Dienstleistungen der Wertschöpfungsprozesse zwischen Kunden und Geschäftspartnern verstanden. Wesentlicher Bestandteil sind dabei webbasiert-vernetzte Technologien in der Produktion und (teil-) autonome Maschinen. Gemäß der Idee des Internet der Dinge, agieren mit Chips versehene Gegenstände (=Produkte, Materialien, Produktions- bzw. Transportroboter etc.) ohne menschliches Zutun in „cyber-physischen“ Arbeitsumgebungen und treffen selbstständig Entscheidungen. Durch eine vertikale Integration bis auf Sensorebene hinab und durch eine horizontale Integration aller Akteure (=Kunden, Werke, Lieferanten) könnten produktionsrelevante Daten zur Echtzeitsteuerung des Systems geliefert werden. Diese hohe Transparenz erzeugt die Möglichkeit, die beteiligten Ressourcen sehr dynamisch und im Sinne des Kunden(-wunsches) anzupassen. Je nach Versprechung, soll im besten Fall eine kundenspezifische Produktion die Losgröße 1 bei hohen Stückzahlen ermöglichen.

Ziel der Industrie 4.0 Initiative ist es, die deutsche Industrie in die Lage zu versetzen, für die Zukunft moderner Industrieproduktion gerüstet zu sein und Produktionsprozesse zu beschleunigen bzw. zu flexibilisieren. Aktuell handelt sich Industrie 4.0 um eine Vision mit einer Vielzahl von Versprechungen, deren Umsetzung erst ganz am Anfang steht und deren Realisierbarkeit sich noch zeigen lassen muss.  Denn Industrie 4.0 deckt nur einen (kleinen!) Teilbereich erfolgreicher Digitalisierungsbemühungen ab.

In Deutschland werden aktuell Industrie 4.0 Initiativen primär vom Forschungsministerium, Fabrikausrüstern und verschiedenen Institutionen (z.B. BITKOM, VDI, VDMA) getrieben. Daher kommen die Expertenkommissionen Forschung und Innovation und das Institut der deutschen Wirtschaft in ihren Gutachten 2016 zum Schluss, dass ein Großteil des Mittelstands sich die Bedeutung bzw. das Potenzial des digitalen Wandels nicht vorstellen kann und Industrie 4.0 noch nicht für das eigene Geschäftsmodell überführt haben.

Betrachtet man die typische Ausgangssituation in der Bekleidungsindustrie, so handelt es sich i.d.R. um weltweit verknüpfte Wertschöpfungsketten mit verteiltem Produktmanagement, -design und Produktion, welche große (IT-) logistische Herausforderungen hervorbringen. Oftmals sind es wechselnde „Sweatshop“ Produktionsstandorte in Fernost, deren technischen, sozialen und umweltpolitischen Gegebenheiten nicht mit denen deutscher Produktionsstandorte verglichen werden können. Insbesondere die Produktionsmaschinen entsprechen noch nicht – evtl. auch niemals –  hochgradig digital vernetzten Anlagen. Wegen der technischen Ungeeignetheit fehlt bei einem Großteil der textilen Rohmaterialien eine elektronische Kennung bis das finale Bekleidungsstück dann nach Fertigstellung etikettiert wird. In der Regel werden dabei noch Barcode- statt RFID-Etiketten genutzt. Damit wäre eine Maschine-Werkstück Kommunikation nur sehr begrenzt möglich. Die Vorstellung von sich selbstdirigierenden Werkstücken durch den Produktionsstandort ist aus praktischer Sicht nahezu unmöglich. Zudem birgt die Datenbewirtschaftung oftmals einige Herausforderungen, angefangen bei der schlechten Qualität von Stamm- und Bewegungsdaten bis hin zu vielfach problematische digitale Vernetzung der Produktionsstandorte in einigen Ländern. Grundsätzlich ist eine gesteigerte Vernetzung immer aus der Perspektive der IT-Sicherheit zu beleuchten und ermöglicht neue Angriffsmöglichkeiten bzw. störungsanfälligere Systeme. Aus IT-Architektursicht sind zudem Standards für den internationalen Datenaustausch notwendig bzw. bestehende Standards (z.B. ZVEI/BITKOM mit RAMI 4.0 oder Industrial Internet Consortium mit IIRA) sind noch weiterzuentwickeln und die Branchenbesonderheiten stärker zu berücksichtigen.

Folgt man Kritikern der Industrie 4.0 Initiative, so handelt es sich aktuell um einen starken Hype und gilt als Neuauflage des Computer Integrated Manufacturing (CIM). Im Wesentlichen liegt der Digitalisierungsfokus von Industrie 4.0 Initiativen für Fabriken lediglich auf Effizienzsteigerungen, berücksichtigt aber die Kundennachfrage nicht ausreichend. Es wird nicht genug aus der Perspektive des digitalen Kunden gedacht, sondern erst am Ende des Prozesses die Produktion entsprechend ausgerichtet. Kurz gesagt: es fehlt der Blick auf die nötigen Innovationen auf die Produkt- sowie Customer Experience-Perspektive, um die Kundenbedürfnisse besser zu befriedigen. Die Digitalisierung der Fabriken erhöht zwar die Effizienz in der Produktion, verhindert aber die nötige Anpassung des Geschäftsmodells und fördert nur begrenzt Produktinnovationen. Digitalisierung erfasst aber alle Bereiche der Wirtschaft bzw. alle Stufen der Wertschöpfung und muss daher stärker aus Sicht der Gesellschaft bzw. von der Mitsprache des Kunden bzw. Marktes betrachtet werden. Alles andere ist keine ausreichende digitale Transformation.

Was mit der Schuhproduktion – wie mit der Adidas Industrie 4.0 Speedfactory Initiative – in Deutschland geht, lässt sich auf die Produktion von Bekleidungsteilen im Ausland nur recht begrenzt übertragen. Dennoch gibt es erste Versuche mit „Sewbots“, wie z.B. Raymond in Indien, die Automatisierung und Robotik voranzutreiben.

Grundsätzlich dürfen entscheidende Fragen für die Bekleidungshersteller nicht unberücksichtigt bleiben, z.B. ob die Produktion zukünftig noch zentral in Fernost verbleiben soll und ob nicht evtl. eine Reorganisation der ganzen Wertschöpfungskette unter Berücksichtigung der Automatisierung bzw. Digitalisierung möglich wäre? Wird das bedacht, so bietet Industrie 4.0 dennoch viele Ansatzmöglichkeiten, die kontextspezifisch zu bewerten und umzusetzen sind. Change Works!

 

COUNTER

  • Total Visitors: 60279